Im dritten Band Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo 3: Das geheime Netz von Drew Weings Comicreihe hat sich die Ausgangssituation grundlegend verändert: Charles Thompson ist längst kein verängstigter Neuling mehr. Stattdessen ist er inzwischen festes Mitglied von Margos Team – als Chronist, Helfer und neugieriger Beobachter der geheimen Monsterwelt von Echo City.
Beim Lesen merkt man relativ schnell: Die Serie beginnt sich logisch weiter zu verändern. Die Welt, die zuvor nur aus einzelnen Begegnungen und Fällen bestand, bekommt mehr Tiefe. Zusammenhänge tauchen auf. Orte verbinden sich. Figuren kennen sich.

Ein Blick unter die Stadt

Charles’ Abenteuer haben ihn bereits an viele ungewöhnliche Orte geführt – zu Ogern, Vampiren und anderen Kreaturen, die verborgen in der Stadt leben. Doch diesmal weiht Margo ihn notgedrungen in etwas noch Größeres ein: das „Unterseits“, eine riesige unterirdische Monstermetropole unter Echo City.

Als eine Kolonie von Riesenspinnen durch Bauarbeiten bedroht wird, geraten Charles und Margo in ein Wettlauf gegen die Zeit. Um die Monster zu retten, müssen sie in dieses verborgene Netzwerk aus Tunneln und Gemeinschaften hinabsteigen – und dort entdecken sie, dass die Monsterwelt viel komplexer organisiert ist, als sie bisher ahnten.

In diesem Band kommt jedoch eine neue Dynamik hinzu: Charles handelt zeitweise notgedrungen allein. Margo ist nicht erreichbar, und so versucht er auf eigene Faust, die bedrohten Spinnen zu retten. Diese Situation zeigt sehr schön, wie sehr sich seine Figur seit dem ersten Band entwickelt hat. Aus dem verängstigten Jungen, der einst ein Monster im Kleiderschrank meldete, ist jemand geworden, der Verantwortung übernimmt – selbst wenn er noch längst nicht alle Zusammenhänge versteht.

Gleichzeitig platziert Drew Weing hier ein kleines Puzzle-Stück für das größere Ganze der Serie. Im Hintergrund betritt erstmals ein möglicher Antagonist die Bühne. Noch bleibt vieles im Unklaren, doch spätestens an dieser Stelle dürfte klar sein: Hinter den einzelnen Fällen verbirgt sich eine größere Geschichte. Leserinnen und Leser werden hier vermutlich denselben Gedanken haben – und sich auf weitere Bände freuen.

Der Band erweitert damit die Welt der Serie erheblich: Echo City ist nicht nur eine Stadt mit versteckten Monstern, sondern ein ganzer Lebensraum mit eigenen Strukturen, Konflikten und politischen Spannungen.

Beim Lesen dieser Passagen musste ich unweigerlich wieder an Rollenspiele denken. Genau solche Orte sind es, die man am Spieltisch sofort bespielen möchte. Eine unterirdische Monsterstadt unter einer ganz normalen Großstadt. Abenteuer vorprogrammiert.

Der dritte Band wird übrigens mit einem kleinen, aber sehr schönen Detail eröffnet: einem Blogeintrag von Charles Thompson auf dem streng geheimen M.U.L.M.I.G.-Blog. M.U.L.M.I.G. steht für Mysteriöse und Legendäre Monster-Informations-Gesellschaft – eine Art Monster-Wikipedia für Kinder. Dort werden Kreaturen beschrieben, ihre Eigenheiten erklärt und manchmal auch Hinweise gegeben, ob man ihnen besser aus dem Weg gehen sollte oder ob sie vielleicht sogar freundlich sind. Gerade wenn man diese Welt einmal am Spieltisch erlebbar machen möchte, ist das ein hervorragender Ansatz. Statt die Kinder nur die Figuren aus dem Comic begleiten zu lassen, könnten sie ihre eigenen Monsterforscher oder Monstervermittler spielen – mit eigenen Einträgen im M.U.L.M.I.G.-Archiv.

Der Ton wird ernster

Die zuvor nur angedeutete Bedrohung für das fragile Gleichgewicht zwischen Menschen und Monstern wird konkreter, und der Ton der Geschichte wird deutlich ernster. Jemand scheint aktiv daran zu arbeiten, den Frieden zwischen beiden Welten zu zerstören. Charles gerät dabei zunehmend selbst in Gefahr – nicht nur durch Monster, sondern auch durch Menschen, die der geheimen Welt zu nahe kommen. Diese Entwicklung verleiht der Serie erstmals ein klares übergeordnetes Konfliktfeld. Interessant ist dabei, dass die Geschichte trotzdem ihrem Grundton treu bleibt. Selbst wenn die Situation gefährlicher wird, geht es weiterhin nicht um klassische Heldentaten oder Kämpfe. Es geht um Vertrauen, Missverständnisse und die Frage, wie unterschiedliche Welten miteinander existieren können.

Von Einzelfällen zu einer großen Geschichte

Die Reihe bewegt sich weg von einer episodischen Struktur, immer stärker zu einer zusammenhängenderen Handlung. Während die ersten Bücher hauptsächlich einzelne Monsterprobleme behandelten, wird nun ein größeres Netz aus Zusammenhängen sichtbar – vielleicht auch daher der Titel „The Tangled Web“ / „Das geheime Netz“.
Die Monsterwelt erscheint plötzlich politischer, komplexer und gefährlicher. Gleichzeitig wachsen auch die Figuren: Charles ist vorsichtiger und reflektierter als noch im ersten Band, während Margo weiterhin die ruhige, entschlossene Vermittlerin bleibt. Man beginnt sich beim Lesen auch mehr Fragen über Margo selbst zu stellen. Wer ist sie eigentlich? Woher kennt sie all diese Monster? Und warum scheint sie in dieser Welt so selbstverständlich zu Hause zu sein? Der Band fängt an, diese Fragen zu beantworten, und macht neugierig, um weiterzulesen.

Zeichnungen und Atmosphäre

Stilistisch bleibt Drew Weing seinem Ansatz treu: klare Linien, eine leicht karikierende Figurenzeichnung und eine Farbpalette, die den Comic gleichzeitig freundlich und geheimnisvoll wirken lässt.
Besonders im dritten Band kommt jedoch stärker die urbane Fantasy-Atmosphäre zur Geltung. Unterirdische Monsterstädte, geheimnisvolle Treffpunkte und seltsame Kreaturen verleihen Echo City eine neue Dimension.
Interessant ist auch der Unterschied zwischen der Originalausgabe und der deutschen Veröffentlichung. Die amerikanische Version erschien ursprünglich im Querformat – eine Reminiszenz an den Ursprung der Serie als Webcomic.
Im großformatigen Albenformat der deutschen Ausgabe wirken die Panels jedoch deutlich eindrucksvoller. Die Seiten bekommen mehr Raum zum Atmen und viele Szenen – besonders die unterirdischen Monsterorte – entfalten eine stärkere visuelle Wirkung. Gerade die größeren Bildflächen lassen Weings detailreiche Figurenmimik und die vielen kleinen Monsterdesigns noch besser zur Geltung kommen.

Die deutsche Ausgabe erscheint – wie schon die ersten beiden Bände – beim Berliner Reprodukt Verlag. Reprodukt hat sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht, internationale Graphic Novels und Kindercomics im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen.

Mediadaten

  • Drew Weing Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo 3: Das geheime Netz
  • Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Wieland
  • Handlettering von Michael Hau
  • 72 Seiten, farbig
  • 20,7 x 28,5 cm, Hardcover
  • Reprodukt Verlag, 2022
  • ISBN 978-3-95640-301-9
  • Lesealter: ab 8 Jahren

MEINE MEINUNG

Mit Das geheime Netz entwickelt sich die Reihe Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo von einer charmanten Monster-Detektivgeschichte zu einer größeren Urban-Fantasy-Erzählung.
Der dritte Band erweitert die Welt der Serie deutlich, vertieft die Figuren und führt erstmals eine ernsthafte Bedrohung für das fragile Gleichgewicht zwischen Menschen und Monstern ein.
Was als episodische Sammlung kleiner Monsterfälle begann, wird nun zu einer Geschichte über Gemeinschaft, Vertrauen und die Frage, wie verschiedene Welten miteinander leben können.
Ich kann mich nur wiederholen: Genau das macht die Reihe weiterhin so faszinierend: Die Monster sind nie das eigentliche Problem – sondern nur ein weiterer Teil der Nachbarschaft.
Auch ein Grund, warum diese Comics so gut funktionieren. Sie erzählen von einer Welt, die gleichzeitig vertraut und geheimnisvoll ist. Eine Welt, in der hinter jeder Tür eine Geschichte wartet.
Und manchmal vielleicht auch ein Monster – das einfach nur Hilfe braucht. Ich will das spielen!