Der zweite Band Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo 2: Die Monster-Mall von Drew Weings Comicserie knüpft direkt an die Idee an, die schon den ersten Band so besonders gemacht hat: Monster sind keine Gegner. Sie sind Nachbarn – nur eben Nachbarn, die im Verborgenen leben müssen.
Charles Thompson hat inzwischen akzeptiert, dass seine neue Heimat Echo City eine zweite, geheime Bevölkerung besitzt. Als selbst ernannter Monster-Reporter begleitet er weiterhin die legendäre Monster-Mediatorin Margo Maloo. Während Charles versucht, Margo zu überreden über seinen Blog eine Art „Monsterpedia“ aufzubauen, hilft er Margo dabei, Konflikte zwischen Menschen und Monstern zu lösen.
Doch je tiefer Charles in diese Welt eintaucht, desto klarer wird: Das Zusammenleben ist fragiler, als es zunächst scheint.
Beim Lesen dieses zweiten Bandes hatte ich wieder denselben Gedanken wie schon beim ersten: Diese Welt fühlt sich erstaunlich real an. Nicht im Sinne von „realistisch“, sondern im Sinne von funktionierend. Spielenswert! Man hat das Gefühl, dass Echo City auch dann weiterexistieren würde, wenn man den Comic zuklappt.
Vielleicht liegt das daran, dass Drew Weing seine Monsterwelt nie als spektakuläre Fantasy inszeniert. Eine erstaunlich charmante, funktionierende Hinterhof-Fantasy?

Fälle aus der verborgenen Stadt

Wie schon im ersten Band ist die Geschichte episodisch aufgebaut. Mehrere Fälle führen Charles und Margo durch unterschiedliche Teile der Monsterwelt von Echo City.
Ein Fall dreht sich um ein neu gebautes Haus, in dem scheinbar ein Poltergeist sein Unwesen treibt. Ein anderer führt die beiden in ein verlassenes Einkaufszentrum – die titelgebenden Monster Mall – in der eine Gruppe jugendlicher Vampire lebt. Diese haben ein ungewöhnliches Problem: Nicht Monster dringen in ihr Revier ein, sondern Menschen. Goth-Teenager und urbane Abenteurer nutzen das verlassene Gebäude als Treffpunkt und riskieren damit, die Existenz der Monster aufzudecken.
Diese Umkehrung des üblichen Horror-Schemas ist typisch für die Serie: Menschen und Monster fürchten einander meist nicht aus Bosheit, sondern aus Missverständnissen.
Gerade diese Art von Konflikten hat mich beim Lesen immer wieder an Rollenspielrunden mit Kindern denken lassen. Die Abenteuer entstehen hier nicht aus Kämpfen, sondern aus Situationen. Missverständnisse, kleine Katastrophen, verschwundene Monsterkinder oder neugierige Teenager reichen völlig aus, um eine Geschichte zu tragen.
Für Rollenspiele ist das ein erstaunlich fruchtbarer Ansatz. Die Welt liefert Konflikte – aber sie zwingt niemanden dazu, sie mit Gewalt zu lösen. Ein Umstand der mir immer Unbehagen bereitete beim Leiten für Kinder. Aber gut, ich mag auch lieber Wasserspritzen statt Wasserpistolen …

Eine Welt, die langsam größer wird

Der zweite Band erweitert die Welt von Margo Maloo deutlich. Neue Monsterarten tauchen auf – etwa Imps, Vampire oder andere Kreaturen aus den verborgenen Ecken der Stadt – und Echo City wirkt zunehmend wie ein komplexes Ökosystem aus menschlichen und nicht-menschlichen Bewohnern.
Dabei wird auch Margos eigene Geschichte leicht angedeutet. Der Comic zeigt erstmals ihr Zuhause und ihren Onkel, der an Demenz leidet – eine überraschend melancholische Note in einer ansonsten humorvollen Geschichte.
Diese Momente verleihen der Serie eine emotionale Tiefe, die über ein reines lustiges Kinderabenteuer hinausgeht.
Überhaupt beginnt man in diesem Band langsam zu merken, dass hinter den einzelnen Fällen eine größere Welt steckt. Margo kennt offenbar deutlich mehr Monster als sie erzählt. Und auch Charles versteht langsam, dass seine Blogeinträge eigentlich nur einen kleinen Ausschnitt dessen zeigen, was in Echo City wirklich passiert.

Humorvoller Grusel mit sozialem Unterton

Die grundlegende Botschaft der Reihe bleibt auch im zweiten Band erhalten: Unterschiedlichkeit ist kein Grund zur Angst. Menschen und Monster haben vor allem deshalb Probleme miteinander, weil sie einander nicht verstehen.
Gerade im Szenario des verlassenen Einkaufszentrums wird das besonders deutlich. Der Ort ist eigentlich ein Rückzugsraum für Monster, doch die moderne Welt dringt immer stärker in ihre Verstecke ein – Smartphones, neugierige Jugendliche und die zunehmende Urbanisierung machen es schwieriger, verborgen zu bleiben. Gentrifizierung durch die Hintertür eines Comics.
So entsteht zwischen den humorvollen Monsterfällen eine subtile Allegorie über Fremdheit, Gemeinschaft und das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen.
Was mich beim Lesen besonders beeindruckt hat: Drew Weing erzählt diese Themen völlig beiläufig. Es gibt keine moralischen Vorträge. Stattdessen entsteht das Verständnis einfach aus der Situation.
Ein Monster hat Angst entdeckt zu werden. Ein Mensch versteht nicht, warum es sich versteckt. Und irgendwo dazwischen steht Margo Maloo und versucht, beide Seiten dazu zu bringen, miteinander zu reden

Zeichnungen zwischen Kindercomic und Indie-Graphic-Novel

Visuell bleibt Drew Weing seinem Stil treu: klare Linien, ausdrucksstarke Figuren und eine Farbpalette, die gleichzeitig freundlich und leicht unheimlich wirkt.
Drew Weing arbeitet seit vielen Jahren als Comiczeichner und unterrichtet Comiczeichnen an der University of Georgia. Seine Serie Margo Maloo begann ursprünglich als Webcomic, bevor sie als Graphic Novel beim US-Verlag First Second erschien. Die deutsche Ausgabe erscheint beim Berliner Reprodukt Verlag, der seit Jahren zu den wichtigsten Comicverlagen im deutschsprachigen Raum gehört und viele internationale Graphic Novels zugänglich macht.
Die Zeichnungen bleiben dabei zugänglich für jüngere Leser, enthalten aber genug Details, um auch ältere Comicfans zu begeistern.
Gerade in den Szenen im Einkaufszentrum zeigt sich das besonders schön. Die verlassenen Rolltreppen, die dunklen Schaufenster, die improvisierten Wohnräume der Vampire – all das wirkt gleichzeitig unheimlich und erstaunlich gemütlich.

Mediadaten

  • Deutsch: Reprodukt Verlag
  • Drew Weing Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo 2: Die Monster-Mall
  • Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Wieland
  • Handlettering von Michael Hau
  • 64 Seiten, farbig
  • 20,7 x 28,5 cm, Hardcover
  • Reprodukt Verlag, 2021
  • ISBN 978-3-95640-259-3
  • Lesealter: ab 8 Jahren

MEINE MEINUNG

The Monster Mall zeigt, dass Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo 2: Die Monster-Mall mehr ist als nur eine Monster-Detektivserie. Der zweite Band erweitert die Welt von Echo City, vertieft die Figuren und streut erste Hinweise auf größere Konflikte ein, die sich in der Serie noch entwickeln könnten.
Drew Weing gelingt dabei eine seltene Mischung: ein Comic, der gleichzeitig Abenteuer, Humor und ein leises Nachdenken über das Zusammenleben unterschiedlicher Wesen bietet.
Oder anders gesagt: Wenn man einmal akzeptiert hat, dass Monster Teil der Nachbarschaft sind, wird Echo City zu einem erstaunlich faszinierenden Ort.
Und je länger man sich dort aufhält, desto stärker bekommt man das Gefühl, dass hinter der nächsten Ecke schon der nächste Fall wartet.
Vielleicht klingelt irgendwo gerade wieder ein Telefon. Und irgendwo in Echo City greift Margo Maloo in ihre Jacke.