Der erste Band Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo 1 (orig. The Creepy Case Files of Margo Maloo) von Drew Weing beginnt mit einer Situation, die manche Kinder kennen: ein unfreiwilliger Umzug. Charles Thompson zieht mit seinen Eltern nach Echo City, denn sein Vater soll dort ein altes Hotel renovieren. Für die Dauer der Arbeiten wohnt die Familie direkt im Gebäude – dem leerstehenden Bellweather Hotel, einem alten Art-Deco-Bau aus den 1920er Jahren.
Der Ort wirkt für Charles von Anfang an seltsam. Spielsachen verschwinden aus seinem Zimmer. Nachts knarrt es in den Wänden. Und schließlich passiert das, was jedes Kind fürchtet: Ein Monster kommt aus dem Kleiderschrank.
Natürlich glauben ihm seine Eltern kein Wort. Doch der Nachbarsjunge Kevin kennt eine Lösung: Er drückt Charles eine Visitenkarte in die Hand.
„Margo Maloo – Monster-Mediatorin.“

Meine Mittlere hatte den Band aus der Bücherei angeschleppt – nicht wissend, welchen Fund sie gemacht hat. Beim ersten Durchblättern dachte ich: nette Monsterdetektivgeschichte. Beim Lesen merkte ich schnell: Das ist cool.
Hinter all dem Urban-Fantasy-Anstrich erzählt Drew Weing eine Geschichte über Nachbarschaft und Konflikte. Aber schlichtweg eingebettet in tolle Plots.
Monsterprobleme statt Monsterjagd
Margo Maloo ist eine Legende unter den Monstern der Stadt. Wenn es Streit oder Missverständnisse zwischen Menschen und Monstern gibt, ist sie diejenige, die das Problem löst.
Nachdem Margo also Charles geholfen hat, das „Troll-im-Kleiderschrank“-Problem zu klären, bleibt er neugierig an ihrer Seite. Als angehender Journalist beginnt er ihre Fälle zu dokumentieren.
Schon bald zeigt sich dabei eine zentrale Idee der Serie: Die Monster sind selten wirklich gefährlich. Meist haben sie einfach Probleme. Ein Trollkind wird vermisst oder ein Geist spukt aus Langeweile.
Und irgendwo unter der Stadt gibt es ganze Orte, an denen Monster leben, einkaufen oder sich in Kneipen treffen!
Diese Perspektive verändert sofort den Ton der Geschichte. Die Monster sind nicht einfach Gegner, sondern Teil eines sozialen Gefüges – mit Familien, Eigenheiten und manchmal ziemlich menschlichen Sorgen.
Eine Monsterwelt mitten in der Stadt
Eine der großen Stärken des Comics ist die Art, wie er seine Welt aufbaut. Echo City ist nicht einfach eine Stadt mit ein paar Monstern – sie wirkt wie ein eigener kleiner Kosmos mit versteckten Gemeinschaften, eigenen Regeln und geheimen Treffpunkten.
Viele Monster haben Namen, Familien und Alltagsprobleme. Sie streiten sich, sorgen sich um ihre Kinder oder versuchen einfach nur unentdeckt zu bleiben.
Die überraschend sanfte Botschaft des Comics: Monster sind nur dann gruselig, wenn man sie nicht kennt.
Während ich das las, hatte ich immer wieder denselben Gedanken: Das wäre eine fantastische Rollenspielwelt.
Die Welt spielt im Grunde in unserer eigenen Realität, nur mit einer verborgenen Ebene. Kinder verstehen diese Prämisse sofort. Hinter jeder Tür könnte ein Monster wohnen. Hinter jedem Keller könnte eine Geschichte stecken.
Plötzlich geht es nicht mehr darum, Monster zu besiegen, sondern sie zu verstehen. Für Rollenspielrunden mit Kindern ist das eine erstaunlich elegante Ausgangssituation. Vor allem aber, weil viele der Geschichten ohne klassische Konflikte auskommen und stattdessen auf Ermittlung, Gespräche und Problemlösung setzen.
Humor, Dialoge und kleine Running Gags
Der Comic ist als Dialogcomic aufgebaut. Einen klassischen Erzähler gibt es nicht – die Geschichte entsteht aus Gesprächen zwischen den Figuren und aus kurzen Blog- oder Tagebucheinträgen von Charles.
Das sorgt für ein schnelles Tempo und viel Humor. Besonders Kevin, der Nachbarsjunge, liefert immer wieder Running Gags. Er versucht ständig, ein besonderes Talent oder einen Weltrekord zu finden – heute Einbein-Stehen, morgen Handstand, übermorgen vielleicht Jonglieren.
Diese kleinen Nebenfiguren sind es auch, die Echo City lebendig machen. Man hat ständig das Gefühl, dass hinter jeder Wohnungstür eine weitere Geschichte wartet.
Zeichnungen voller Atmosphäre
Auch visuell hat der Comic viel Charakter. Drew Weings Zeichenstil liegt irgendwo zwischen klassischem Kindercomic und moderner Graphic Novel. Weing begann die Reihe ursprünglich als Webcomic, bevor sie in Buchform veröffentlicht wurde. Vielleicht erklärt das auch die Klarheit der Panels und den rhythmischen Aufbau der Seiten. Die Figuren haben eine sehr ausdrucksstarke Mimik und die Monster sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet – mal grotesk, mal skurril, aber immer individuell.
Ein schönes Detail: Viele Monster sprechen mit eigenen Schriftarten, wodurch ihre Stimmen visuell unterscheidbar werden. Die Farbpalette arbeitet häufig mit warmen Braun- und Dunkeltönen. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die gleichzeitig gemütlich und leicht unheimlich wirkt. Bemerkenswert ist ein kleines, aber für mich bedeutendes feines Detail. Die deutsche Ausgabe wurde von Michael Hau handgelettert! In der heutigen Zeit ein aufwändiger, warmer, schöner Entschluss, Handwerk in derlei Publikationen einziehen zu lassen!
Margos geheime Akten
Am Ende des Bandes gibt es noch eine kleine Überraschung:
Leserinnen und Leser dürfen einen Blick in Margos Monsterakten werfen. Die stilistisch beeindruckend anders sind und Weings Bandbreite als Illustrator zeigen.
Dort finden sich kurze Steckbriefe zu verschiedenen Monsterarten – etwa Trollen, Geistern oder Kobolden. Diese Mischung aus Humor, Weltbau und Nachschlagewerk verstärkt den Eindruck, dass hinter den einzelnen Fällen eine viel größere Monsterwelt steckt.
Solche kleinen Details sind es, die zeigen, wie sorgfältig die Welt gebaut ist. Man merkt: Echo City ist größer als die Geschichten dieses Bandes.
Mediadaten
- Deutsch: Reprodukt Verlag
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Drew Weing Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo Band 1
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Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Wieland
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Handlettering von Michael Hau
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72 Seiten, farbig
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20,7 x 28,5 cm, Hardcover
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Reprodukt Verlag, 2020
- ISBN 978-3-95640-236-4
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Lesealter: ab 8 Jahren
MEINE MEINUNG
Der erste Band von Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo ist ein äußerst gelungener Auftakt zu einer Comicserie, die Grusel, Humor und Urban Fantasy auf ungewöhnliche Weise verbindet.
Was zunächst wie eine klassische „Monster im Kleiderschrank“-Geschichte beginnt, entwickelt sich schnell zu einer warmherzigen Erzählung über Freundschaft, Verständnis und das Zusammenleben sehr unterschiedlicher Wesen.
Oder anders gesagt: Die Monster sind vielleicht seltsam – aber eigentlich sind sie einfach nur Teil der Nachbarschaft.
Deshalb funktioniert diese Reihe für mich so gut. Sie nimmt die klassische Kinderangst vor Monstern ernst – und verwandelt sie in Neugier. Vielleicht ist dieser kleine, feine, friedliche Perspektivwechsel der eigentliche Zauber von Margo Maloo.














